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Archive for 9. November 2012

Freitags, sie erinnern sich, habe ich immer einen kurzen Tag in der Schule. Ich fahre um halb acht hin und komme um zehn Uhr zurück. Lohnt sich eigentlich nicht, steht aber so im Stundenplan, also kann ich mich nicht dagegen wehren. Mit dem Auto brauche ich 15 Minuten zur Schule, da bleibt vor Unterrichtsbeginn immer noch Zeit fürs Fotokopieren von am Tag zuvor erstellten Arbeitsblättern oder für ein Schwätzchen mit KollegInnen.

Heute brauchte ich keine Kopien und Zeit fürs Schwätzchen ist freitags auch immer noch nach meinen zwei Stunden Unterricht, also fuhr ich ein wenig später als sonst los. Am Ende unserer Straße ist eine Bushaltestelle, dort fährt halbstündlich ein Bus vom Stadtteil hinterm Wald zur Stadtmitte. Die Fahrzeit beträgt eine gute halbe Stunde, da der Bus mehrere Siedlungen durchfährt, um auch dort die Menschen einzusammeln, die auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind. Am Ende der Straße stand heute morgen eine mir unbekannte ältere Dame, winkte und schaute ziemlich verzweifelt. Ich hielt an und ließ das Fenster herunter.

Fahren Sie in Richtung Innenstadt?
In die Richtung schon, wohin müssen Sie denn?“
Zur Augenklinik am Bahnhof, ich habe einen Termin dort um zwanzig nach acht. Der Bus kommt nicht, ich warte schon eine halbe Stunde.“

Ich schaue auf die Uhr, es ist 7.45 Uhr. Wenn ich im morgendlichen Berufsverkehr erst in die Stadt und danach zur Schule fahre, dann sind 25 Minuten verdammt wenig. Und Lehrer haben nun mal keine Gleitzeit.

Die alte Dame schaut erwartungsvoll und sichtlich ratlos. Ich lasse Sie einsteigen und biete ihr eine Fahrt in die Nähe ihres Ziels an, so dass ich nicht in das Verkehrschaos rund um den Bahnhof gerate. Sie ist sichtlich erleichtert und versichert, dass sie problemlos einen Fußweg zum Ziel bewältigen könne. Nur dürfe Sie diesen Termin nicht versäumen, da sie 3 Monate darauf gewartet habe. Sie habe bereits mehrere Autos angehalten, doch niemand hätte  sie mitnehmen können, da alle zur Autobahn oder in die Nachbarstadt unterwegs waren.

Ich starte in Richtung Stadtmitte, stehe an zwei roten Ampeln länger als ich es sonst gewohnt bin. Die Uhr tickt. Zum Glück ist die Bahnschranke geöffnet und ich komme zügig bis zur nächsten großen Kreuzung. Dort werden wir von zahlreichen Rechtsabbiegern an der Weiterfahrt gehindert, die Ampel wird wieder rot. Ich erfahre, dass die Dame schon seit 60 Jahren im Stadtteil hinterm Wald wohnt und inzwischen verwitwet ist. Sie hat weder Auto noch Führerschein, früher hat ihr Mann sie gefahren, der ist vor einigen Jahren gestorben. Jetzt fährt sie mit dem Bus in die Stadt, normalerweise hat sie ja Zeit. Die nächste Grünphase bringt uns bis zu einer weiteren Kreuzung, diesmal halten uns Linksabbieger auf, doch wir können mit einem beherzten Manöver bei dunkelgelb die Kreuzung passieren und haben freie Fahrt bis zum Anfang der Fußgängerzone. Hier steigt die Dame aus und verabschiedet sich dankbar. Es ist 8 Uhr, mir bleiben 10 Minuten bis zum Beginn der ersten Unterrichtsstunde.

Um 8.05 Uhr stehe ich an der letzten Ampel vor der Zufahrt zum Schulgelände. Gerade ist ein Bus angekommen, viele Schüler steigen aus und machen sich auf den 5-minütigen Fußweg zur Schule. Sie wirken dabei total entspannt. Haben Schüler Gleitzeit?

Ich parke auf dem ersten freien Parkplatz, den ich entdecken kann, erreiche mit dem Gong um 8.10 Uhr das Lehrerzimmer, lege meine Jacke über meinen Stuhl, drehe mich um und mache mich zusammen mit den Kollegen auf den Weg zu den Klassenräumen. Punktlandung.

 

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