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Heute, am bisher heißesten Tag des Jahres, habe ich wahrscheinlich mehr geschwitzt als meine Prüflinge, die noch einmal antreten mussten, um sich in einem 20-minütigen Prüfungsgespräch die letzten Punkte für ihr Abitur zu verdienen.

Mein Dank geht an die Fachschaft Erdkunde, die eine meiner Kandidatinnen so geprüft hat, dass sie am Ende der Prüfung ihr Ziel, die 100 Punkte für das Bestehen des Abiturs bereits erreicht hatte, sodass die für den Nachmittag angesetzte Prüfung in Englisch bei mir entfallen konnte. Das hat uns eine weitere Stunde Schwitzen im sonnenbeschienenen Klassenraum erspart.

Damit ist das Kapitel „Abitur 2017“ auch in diesem Blog abgeschlossen und wird erst in zwei Jahren mit dem „Abitur 2019“ wieder aufgeschlagen. Die „90bABIes“ sind Geschichte, jetzt kommen nur noch Nullen :-).

In Reih und Glied

Während die einen schon feiern oder Urlaub machen, müssen die anderen noch einmal ran und die letzten Punkte für das angestrebte Abitur sammeln. Dazu gibt es mündliche Prüfungen im 1. bis 3. Abiturfach.

Aus meinem LK wird ein Schüler die Jahrgangsstufe wiederholen, er hat sich fest vorgenommen, das Abitur im nächsten Jahr mit 2,0 zu bestehen. Ich wünsche ihm Glück.

Ein anderer Schüler kam heute zum Vorgespräch und meinte, er habe sich wohl „verzockt“ und müsse jetzt in allen drei Prüfungsfächern noch einmal antreten, um die berühmten 100 Punkte zu erlangen. Mal sehen, auf welches Pferd er diesmal setzt,  die Englischprüfung ist an zweiter Stelle, nach Mathe und vor Erdkunde.

Eine Schülerin erwarte ich morgen noch zum Vorgespräch, wahrscheinlich hat die sich auch „verzockt“, sie muss in zwei Fächern „nachbessern“.

Die Dritte im Bunde ist eine Schülerin, die bereits mit einem 1,x bestanden hat, der jedoch ein Punkt zur nächstbesseren Note fehlt. Und diesen Punkt möchte sie nun in Englisch holen, obwohl Mathe ihr Lieblingsfach ist. Hoffentlich hat sie sich bei dieser Wahl nicht „verzockt“.

Alle Kandidaten und Kandidatinnen versuchen, mich im Vorgespräch über ihre Stärken und Lieblingsthemen zu informieren, in der Hoffnung, dass ich dies bei der Auswahl der Texte berücksichtigen werde. Let’s wait and see, noch habe ich keine Entscheidung getroffen.

Monthly hat meine Instagram-Bilder aus Mai zu einer Collage zusammengefügt. Man kann unschwer erkennen, dass das Korrigieren der Abitur- und Klassenarbeiten viel Raum und Zeit eingenommen hat. Meine Muttertagsschokolade, die Geburtstagstorte vom „großen Kind“, eine Monstererdbeere und der blühende Rhododendron im Garten sind weitere Hingucker.

Weil mein LK nun nicht mehr unterrichtet werden muss, hat sich meine Unterrichtsverpflichtung um 5 Stunden reduziert und das hat mir einen freien Montag beschert. An diesem unterrichtsfreien Tag kann ich

  • ausschlafen
  • Wäsche waschen
  • Unterricht für die kommende Woche vorbereiten
  • das Lieblingsbaby bespaßen
  • faulenzen

Heute morgen war nichts mit „ausschlafen“, stattdessen stehe ich zusammen mit ganz vielen anderen Frauen und Männern, die so wie ich nicht, noch nicht oder nicht mehr arbeiten mussten, um viertel vor acht vor dem Eingang des Discounters, um drei Campingstühle aus dem Angebot zu erstehen. Als dann plötzlich die automatischen Türen aufgehen, schieben sich von hinten, rechts und links Frauen und Männer an mir vorbei ins Geschäft, die keinen Einkaufswagen genommen haben und deshalb viel schneller am Ziel sind. 20 Stühle sind in der Auslage, die einer nach dem anderen in die Einkaufswagen wandern. Gleich daneben wühlen die überwiegend weiblichen Kunden in der Auslage mit den Sandalen und den Sommerkleidern. Einer der wenigen männlichen Kunden hat eine Mustersandale dabei, um die richtige Größe für seine Frau oder Partnerin zu finden. Kaum eine oder einer hat Blicke für das übrige Sortiment des Discounters. An drei Kassen bilden sich lange Schlangen.

Um halb neun bin ich mit meiner Beute wieder zu Hause und kann nun die weiteren Punkte von meiner Montagsliste abarbeiten. Faulenzen fällt heute aus, dafür steht „Lieblingsbaby bespaßen“ für heute Nachmittag auf der Liste.

Diese Woche ist eine kurze Woche, da wir am Freitag „Brückentag“ (schulfrei) haben.

In der nächsten Woche wird es dann noch einmal stressig, weil einige Abiturienten noch Punkte für ihren Abschluss brauchen und deshalb mündliche Prüfungen anstehen. Da gibt es noch einmal zusätzliche Arbeit und Stunden in der Schule.

Die schriftlichen Abiturprüfungen sind vorbei, die Klausuren korrigiert, am Mittwoch bei den mündlichen Prüfungen im 4. Abiturfach bin ich nicht im Einsatz. Das Leben könnte so schön sein, hätte nicht einer meiner LK-Schüler auch den zweiten Nachschreibtermin im Zentralabitur wegen Krankheit versäumt. Nun muss ich ganz allein für ihn zwei neue Prüfungsaufgaben erstellen, das Ministerium ist raus aus der Nummer, wird jedoch meine Vorschläge auf das Genaueste prüfen, damit der Kandidat bei seinem dritten und hoffentlich letzten Termin keinerlei Vorteile gegenüber den anderen Prüflingen hat.

Seit letztem Mittwoch verbringe ich jede freie Minute am Schreibtisch, durchforste Bücher und Suchmaschinen, um thematisch passende englische Texte zu finden. Die Aufgabensammlungen der Verlage sind tabu, da der Schüler – zumindest theoretisch – Zugang dazu haben könnte. Die Texte dürfen zudem eine bestimmte Länge nicht überschreiten, müssen also ggf. gekürzt werden, ohne die Aussageabsicht und Argumentationsstruktur des Autors zu verfälschen. Der Prüfling hat Anspruch auf zwei  verschiedene Textvorlagen, einen literarischen Text (Roman- oder Dramenauszug, Kurzgeschichte, Gedicht) und einen Sachtext (Zeitungsartikel, Redebeitrag, Essay), er wählt während der Prüfung einen davon zur Bearbeitung aus.

Zu jedem englischen Text gibt es noch eine Mediationsaufgabe, d.h. der Prüfling bekommt einen deutschen Sachtext, den er für einen fiktiven englischsprachigen Partner sinngemäß zusammenfassen und kommentieren muss.

Ein Aufgabenpaket, den literarischen Text, habe ich heute abgeschlossen. Die meiste Zeit habe ich für die Formulierung der zu erwartenden Schülerleistung gebraucht. Es müssen ganz bestimmte Formulierungen verwendet werden, damit die Fachdezernentin die Aufgaben auch akzeptiert. Am Mittwoch werden meine Vorschläge ins Fachdezernat nach Düsseldorf übermittelt werden, danach heißt es Daumen drücken, dass meine Vorschläge akzeptiert werden. Und dann noch mal Daumendrücken, dass der Prüfling zum dritten Prüfungstermin auch erscheint. Wenn nicht … keine Ahnung wie oft ein Attest akzeptiert wird. Aber das ist nicht meine Entscheidung.

Das meint zumindest der Abiturient, dessen Klausur zum Thema „American Dream“ ich heute als letztes gelesen und korrigiert habe.

It would be illogical if everyone who is working hard could succeed in life.

Meint er das ernst, ironisch, sarkastisch, resigniert? Oder meint er gar nicht „unlogisch“ sondern „unrealistisch“?

Ich denke, es wäre durchaus logisch, wenn harte Arbeit zu Erfolg führen würde, auch wenn es nicht realistisch und äußerst unwahrscheinlich ist. Das werden alle bestätigen, die sich jeden Tag den Popo aufreißen für Chef und Unternehmen und trotzdem noch nicht wirklich auf den berühmten „grünen Zweig“ gekommen sind.

Meine Abiturienten lassen sich in drei Kategorien einordnen:

Die einen haben hart gearbeitet und einen angemessenen Erfolg erreicht. Logisch?

Die anderen haben hart gearbeitet und trotzdem nicht das erwünschte Ergebnis erhalten. Unlogisch?

Und die dritte Gruppe hat gar nicht gearbeitet und es doch irgendwie geschafft, ein Defizit zu vermeiden. Unlogisch? Ungerecht?

Erst in 10 Jahren, wenn die diesjährigen Abiturienten ihre Klausuren in der Schule abholen dürfen, könnte ich herausfinden, wie dieser Satz gemeint war. Vielleicht ist der Verfasser bis dahin erfolgreich geworden. Vielleicht hat er hart dafür gearbeitet. Oder Glück gehabt. Ich wünsche es ihm, auch wenn er zu denen gehört hat, die sich im Unterricht nicht durch harte Arbeit ausgezeichnet haben.